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das bist nicht ich

übersetzung des originaltext der eröffnungsrede von bogomir doringer

ich stand kurz vor meiner ersten reise nach china. ich bin auf der suche nach inspiration, vielleicht um einen zustand zu erfahren, wie ihn sofia coppola so schön in ihrem film lost in translation beschrieben hat. ich bin mir sicher, auf einen rasend schnell wachsenden kapitalismus zu treffen, der sich in form von riesigen wolkenkratzerblöcken und extremer verschmutzung manifestiert, verziert von beeindruckenden, blinkenden bildschirmen, die einen auf 360 grad umgeben.

eine reise in ein land, das in den letzten 10 jahren das durchlebt hat, was europa innerhalb von jahrhunderten aufgebaut hatte und dessen kultur sich innerhalb kürzester zeit von der imitation zum original hin entwickelt hatte. genau zu diesem zeitpunkt fragte mich franz wassermann freundlicherweise, ob ich einen text für seine neue ausstellung schreiben könnte. um ehrlich zu sein, war ich bis dahin mit seinen werken nicht vertraut.

nachdem ich mich über franzens arbeit informiert hatte, wurde mir klar, warum er mich mit dieser aufgabe betraut hatte. ich verstand, dass wir als künstler viele ähnliche themen behandeln. wir beziehen uns auf das kollektive und das individuelle zugleich. nach meiner china-reise möchte ich diese beiden punkte eher als das körperschaftliche und das einzelne bezeichnen – es passt viel besser zu dem, was nun folgt und was uns in der ausstellung umgibt. franz und ich untersuchen hingebungsvoll und auf kritische weise erfindung oder propaganda, die sich in unserem täglichen leben und unseren identitäten eingenistet hat. auf diese art stellen wir die kollektivgeschichte in frage, die uns durch bildung und massenmedien mit dem zweck vermittelt wurde, verschiedene soziopolitische konzepte wie nationales selbstverständnis – das immer noch eine der stabilsten arten der gruppenkohäsion darstellt – zu befriedigen.

bevor ich ihnen nun einen überblick über wassermanns werke verschaffe, die auf einladende art und weise in der galerie angeordnet sind, würde ich gerne diese gelegenheit nützen, um ihnen einige phänomene vorzustellen, die ich letztes jahr als kurator endlich deklarieren konnte: die phänomene von faceless. auf die einladung von elisabeth hayek vom museumsquartier in wien und die unterstützung durch brigitte felderer hin, kuratierte ich eine zweiteilige ausstellung namens faceless. diese ausstellung versammelte mehr als 100 künstler und modeschöpfer; wir stellten werke der letzten 13 jahre aus.

worum geht es bei faceless?

noch als student fiel mir die stetig wachsende zahl an bildern auf, die verhüllte gesichter zeigten und deren verbreitung, wie ich denke, nach dem 11. september ihren lauf nahm. bilder verdeckter antlitze, maskierter oder gar unsichtbarer gesichter durchdrangen unsere gesellschaft in der form terroristischer bedrohung, die infragestellung der burqa als ein kleidungsstück, das die werte der westlichen welt verneint, gefolgt von den sturmhaubenverhüllten gesichtern von terroristen. maximale überwachung installierte sich in unserem täglichen leben mit der ausrede, unserer eigenen sicherheit zu dienen. unsere gesichter werden täglich aufgenommen und über soziale netzwerke verbreitet, die selbst nichts weiter sind, als firmen. unsere daten werden für wirtschaftliche zwecke oder unbekannte, fortlaufende experimente genutzt. unsere stellung, ob individuell oder als kollektiv gesehen, wird herausgefordert unter dem druck schnell wachsender firmen, die selbst innerhalb verschiedener regierungen mittels der verwendung/manipulation von technologie und humanressourcen operieren. in einer solchen umgebung kann man sein gesicht auf jede erdenkliche art verlieren. eventuell könnte man nach einer „maske“ als lösung suchen.

wie oscar wilde bereits sagte: „der mensch ist am wenigsten er selbst, wenn er für sich selbst spricht. gib ihm eine maske, und er wird dir die wahrheit sagen.“

diese gesichtslosen bilder verblieben als eine tendenz in der kunst und mündeten schließlich über die populärkultur auch in den mainstream. heute leben wir in einer zeit in der die modeindustrie die rückkehr der masken, wie sie in der antike verwendet wurden (als requisiten, zur unterhaltung oder zum schutz), bewirbt. wir leben in zeiten in denen pussy riot und anonymous praktisch hand in hand mit aufständen, die in new york, ägypten, venezuela, der ukraine, etc. aufbrechen, protestieren. zusammengenommen stellen diese abbildungen ein kollektives statement dar, eine kritik an vielen problematischen aspekten unserer zeitgenössischen gesellschaft.

die folgen des 11. septembers auf kulturen weltweit und die degradierung der gesellschaft sind mehr als sichtbar, werden aber nichtsdestotrotz beinahe völlig ignoriert. der 11. september ist auch 13 jahre nach dieser spektakulären und tragischen attacke auf die twin towers – das westliche symbol von wirtschaft und macht – immer noch ein tabu. der zusammensturz dieses symbols in form dieser wolkenkratzer erschütterte die wirtschaft und verschob den raum des öffentlichen sowie des privaten hin zu jener weise, auf die wir heute leben. der angriff war eine reaktion des langanhaltenden drangsalierens des ostens durch den westen und einer versteckten politischen agenda, die auf eine gewisse, wenn auch sehr subtile art der transparenz mit uns geteilt wurde.

anknüpfend an meine feststellung, möchte ich sie daran erinnern, dass sie, als sie heute den ausstellungsraum betreten haben, einen roten teppich, einen „walk of fame“ abgeschritten sind und dabei wie eine berühmtheit oder vips behandelt wurden. sie näherten sich dem von wassermann „ground zero“ genannten werk. während sie verherrlichte schritte über die  bedruckte und geklebte oberfläche machten, hinterließen ihre schuhe spuren, die sie aus dem öffentlichen raum mit hereingebracht hatten. diese spuren werden an diesem roten teppich kleben bleiben und sich mit denen anderer besucher vermischen als eine art virus nicht abwaschbaren schmutzes. auf diese art haben sie alle unbewusst einen kollektiven pfad geschaffen. eine weitere schicht dieses werks ist, dass sie auf sich selbst zugeschritten sind, auf ihr eigenes spiegelbild. diese spiegelskulptur, dieses monument hinterließ einen diskreten eindruck auf ihrem „image“ und ihrer identität.

wassermanns kreative entscheidung endet hier nicht, denn an der rückseite des spiegels steht in der handschrift des künstlers, in inkorrekter syntax der text: „das bist nicht ich.“ könnte es sein, dass der gang den sie/wir gegangen sind, eine illusion, eine erfindung, eine manipulation war? von wem oder was? andererseits verbirgt jeder gute künstler tief in sich einen optimisten, also könnte herr wassermann eventuell darauf hinweisen, dass es zeit für eine neuerfindung ist, zeit wieder an der basis zu beginnen, nach neuen ideen und wissen zu suchen.

wenn wir uns von diesem monument aus umblicken, werden wir sehen, dass die art, wie de der ausstellungsraum angeordnet ist, einer firma gleicht. er ist aus franzens privatem und seinem arbeitsbereich gebaut. seit einiger zeit bereits arbeitet wassermann an einem projekt namens living room. es ist ein fortlaufendes projekt; ein privater raum, der sich der öffentlichkeit zur schau stellt. es ist eine sammlung verschiedener werke, die in verschiedenen werken zum ausdruck gebracht werden.

mit dem living room/coat hook ist der besucher dazu eingeladen, teilzunehmen indem er/sie seine/ihre jacke an einen freien platz hängt. abhängig von der (ankunfts-)zeit kann ein besserer platz ausgewählt werden. es repräsentiert eine hierarchische konstruktion. es ermutigt zu einer unterschiedlichen rangfolge unter den besuchern und teilt sie auf diese art voneinander. niemand von ihnen „hängt“ auf die selbe art im künstlerischen raum.

überdies kann wassermans wohnzimmer auch als ein designtes wartezimmer gesehen werden. in der tat verbringt der moderne mensch die meiste zeit mit warten – online, am telefon mit call centers, spitälern, schulen, mit sich selbst in rastlosigkeit.

der teppich auf dem dieser raum ausgestellt ist sammelt und dokumentiert spuren der benützung auf eine ähnliche weise wie der zuvor erwähnte rote teppich. diese spuren ziehen sich dieses mal über das statement jede meiner handlungen ist politisch (each of my actions is political). der künstler ist sich durchaus bewusst, dass man sich niemals dem politischen enthalten kann, etwas, dass ich, der ich in jugoslawien, bzw. im heutigen serbien, geboren wurde, sehr gut kenne.

ich bin schon eine weile vom wort „branding“ fasziniert. die handlung, mittels eines heißen eisens eine spur in die haut eines tieres oder eines inhaftierten menschen zu setzen, hat sich in der modernen welt in etwas positives, einen hype, verwandelt. es hat sich herausgestellt, dass unser körper und unser geist firmennamen begehrt.

dementsprechend sind die wände um dieses „wartezimmer“ mit roten flaggen geschmückt, deren graphische gestaltung der der nazizeit ähnelt. der künstler schafft so eine verbindung zu den führenden firmen unserer zeit, die sich propagandastrategien angeeignet haben, indem er verschiedene marken in einem weißen kreis platziert. der künstler platziert auch seinen eigenen namen in einen dieser weißen kreise. joseph goebbels, der sich bekanntermaßen am ende des zweiten weltkriegs umgebracht hatte, um seiner möglichen bestrafung zu entgehen, hatte ursprünglich dieses wahrhaft schreckliche, jedoch immer noch bemerkenswerte konzept entwickelt, das nach wie vor die art, wie wir heute leben, beeinflusst. ich sage bewusst „mögliche bestrafung“, da, wie wir wissen, viele mitglieder des nazi-regimes ihrer bestrafung entgangen sind und ihre existenz sowie die nationalsozialistischer ideen in anderen teilen der welt verlängert haben. sie verblieben aktiv in stille. 

der tisch an dem ich gerade sitze, ist wassermanns arbeitstisch. während der ausstellungszeit beschäftigt er galeriemitarbeiter. der künstler stellt auch mich an! sein statement ist verbunden mit der arbeitsumgebung und den gesichtern hinter diesem computerbildschirm. es ähnelt dem verhalten von firmen, in dem wir das sind, wofür„firma“ steht. meine existenz ist eine provokation (my existence is a provocation).

in einem fragwürdigen moralischen rahmenwerk verschmilzt wassermann verschiedene bilder und elemente um uns etwas über heute zu sagen. über eine zeit in der leute unsichtbar und menschliche körper wirte für parasiten sind, oder einfach nur firmenidentitäten beherbergen. an einer der wände werden sie bemerken, dass wassermann seinen arbeitsanzug installiert hat, ebenso wie das bild eines mannes, der auch der künstler, aber auch jeder andere sein könnte, da sein gesicht entfernt worden ist. es ist eine leere, gesichtslose oberfläche, die darauf hin deutet, dass jedes andere gesicht auch passen könnte, aber genauso unterstreicht sie die wichtigkeit und den wert der uniform anstatt den der persönlichkeit. diese uniform könnte als ein gefeierter fetisch des zeitgenössischen erfolgreichen menschen interpretiert werden. es ist der look der macht. es ist der anzug eines ministers.

zuletzt bietet wassermann uns das produkt we/me. es ist ein modul für verschieden arten von plattformen. diese perfekt und sauber designte würfelform mit dem aufgedruckten we, das sich in ein gespiegeltes me verwandeln könnte, kann sich selbst einfach re-installieren und sich verschiedenen gruppen- oder individualnutzen anpassen. dieses podium ist multifunktional; es ist anpassbar. es stellt eine perfekte sogenannte demokratische diskussionsplattform dar. sie können als einzelner oder als gruppe etwas sagen, während sie darauf stehen. es steht ihnen auch frei, passiver beobachter zu sein; es ist sicher nicht ihr erstes mal.

wir sind heute hier, um der eröffnung einer einzelausstellung von franz wassermann beizuwohnen. er heißt uns in einer art limbus willkommen, der an eine institution oder firma erinnert. ich nenne diesen raum limbus, denn die richtung, in die wir von hier aus gehen werden, ist unbekannt und ungewiss. die ausstellung dient dazu, aufzuzeigen, dass dieses surrealistische set-up nichts weiter ist als die pure realität unserer zeitgenössischen welt in der, bei allem respekt, wir hauptsächlich inaktive konformisten sind, ständig in angst, das zu verlieren, was wir haben. wir bleiben still, vielleicht sogar blind vor den unmoralischen veränderungen, die sich turbulent auf uns zubewegen. der grund, weshalb wir uns faceless fühlen oder dazu tendieren ist die angst, das zu verlieren, was wir haben. man sollte nicht die tiefsitzende furcht vergessen, die uns geschichtlich anhaftet. wir wissen, dass wir uns in der vergangenheit nicht immer richtig verhalten haben, wie uns die geschichtestunden lehren. jedoch wurde dies ebenso gut in herrn wassermanns werken recherchiert.

>> künstlerbeschreibung - franz wassermann

>> flyer "das bist nicht ich" (jpg, 1,7mb)

vergriffen
VIELEN DANK FÜR
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für alle weiteren fragen stehen wir ihnen gerne zur verfügung.
schreiben sie uns ein e-mail an office@artdepot.co.at oder
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